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“Wir wollten einen Film machen, der Jugendlichen auf Augenhöhe begegnet” – Ein Interview mit Iliana Estañol und Johanna Lietha von Lovecut

Stefanie Neunteufl

Mit ihrem ersten Langspielfilm “Lovecut” haben die beiden Regisseurinnen Iliana Estañol und Johanna Lietha ein glaubwürdiges Debüt vorgelegt, das sechs Wiener Jugendliche beim Austesten und Erfahren ihrer sexuellen Grenzen begleitet. Wir haben sie zum Interview gebeten und über ihre Arbeit mit Laien, Authentizität und Identitätsbildung im Zeitalter des Internets gesprochen.

FRAMES: Wie kam es zu eurer Regie-Kollaboration und dem Konzept von “Lovecut”?

Johanna: Wir haben uns bei einem Schauspiel-Workshop kennengelernt, der sehr intensiv war und bei dem man sich auch sehr öffnen musste. Da haben wir bemerkt, dass wir eine sehr ähnliche Wellenlänge haben. Wir haben uns viel über unsere verschiedenen Filmideen ausgetauscht und dann beschlossen, dass wir etwas zusammen machen möchten. Irgendwie waren da diese Themen rund um Jugendliche schon stark präsent.

Iliana: Wir haben viel über unsere Jugend gesprochen und hatten viele Ideen, die auch sehr autobiographisch waren. Allerdings war uns auch sehr wichtig, dass unsere Geschichte zeitgemäß ist. Deswegen haben wir beim Schreiben des Drehbuchs auch viel recherchiert und uns oft mit Jugendlichen getroffen – in Parks und in Clubs. Dadurch hat sich die Geschichte auch verändert und weiterentwickelt.

FRAMES: Woher kam euer Interesse einen Film über Jugendliche zu machen?

Johanna: Ich habe den Eindruck, dass es viel damit zu tun hat, dass wir alle Jugendliche waren und das für viele bestimmt auch eine sehr intensive Zeit war, die mit intensiven Gefühlen verbunden war. Man macht vieles zum ersten Mal, probiert sich aus, testet Grenzen aus. Viele rebellieren und machen spannende Erfahrungen.

Iliana: Ich glaube, dass viele Eltern gar nicht wissen, was ihre Kinder mit dem Handy machen. Früher dachte man eben, wenn mein Kind daheim ist, kann ihm nichts passieren. Das ist jetzt anders. Diese Sicherheit existiert nicht mehr. Jugendliche werden auch oft zu unrecht von Erwachsenen kritisiert. Als junger Mensch möchte man seine Grenzen ausloten und sehen, welche Möglichkeiten es da draußen gibt. Für uns war es sehr wichtig, einen Film zu machen, der sich auf Augenhöhe mit den Gefühlen und Problemen der Jugendlichen beschäftigt und nicht verurteilt.

FRAMES: Wart ihr dabei auch von Erfahrungen aus eurer eigenen Jugend inspiriert?

Johanna: Ich schätze schon, denn wir haben anfangs viel darüber gesprochen. Es ging um bestimmte Erfahrungen oder Situationen, aber auch um Themen, die Jugendliche generell begleiten.

Iliana: Ich glaube, die Zeiten haben sich im Vergleich zu meiner Jugend stark verändert, aber die Gefühle und inneren Konflikte der Jugendlichen und ihre Herausforderungen sind auf eine gewisse Weise die gleichen geblieben. Das fanden wir sehr spannend und auch sehr schön.

FRAMES: Kann man euren Film auch als Kommentar auf eine Generation und ihren Umgang mit ihren Handys lesen?

Iliana: Wir waren sehr interessiert daran, zu verstehen, wie Jugendliche in unserer Gesellschaft funktionieren. Deswegen finde ich den Ausdruck “Kommentar” oder “Beobachtung” sehr richtig. Unser Blick war dabei aber weniger distanziert oder kritisch, sondern geprägt durch sehr viel Empathie. Ich glaube, durch das Internet wird es möglich, neue oder andere Identitäten zu kreieren. Das ist auch der Fall für die Figur von Alex im Film, der im Rollstuhl sitzt, aber das online verbergen kann. Dadurch wird er online ganz anders wahrgenommen als im echten Leben. Das ist schon fast so etwas wie ein Doppelleben zu führen. Und das ist sicher das große Thema dieses Films: Identität, Sexualität und Liebe in dieser Zeit, wo die digitale Welt uns unendliche Möglichkeiten lässt.

Johanna: Gleichzeitig sind diese Episoden ja auch alle Geschichten über verschiedene Arten von Beziehungen und Liebe – eingebettet in diese Generation. Das Handy ist dabei nicht unbedingt das Hauptthema, sondern eine Gegebenheit.

FRAMES: Am Anfang von “Lovecut” lesen wir ein Zitat von Leonard Cohen: “There’s a crack in everything. That’s how the light gets in.” Es hat mich an das  japanische Konzept von “Wabi-Sabi” erinnert, das Schönheit in der Imperfektion findet. Wieso habt ihr dieses Zitat gewählt?

Johanna: Lustigerweise war “Wabi-Sabi” eine der Titelideen, die Iliana für den Film hatte. Also es geht genau darum, dass unsere Schwächen und Fehler uns auch schön machen – und menschlich.

Iliana: Auf das Zitat sind wir eigentlich gekommen, weil wir zu der Zeit um Förderungen für den Film angefragt haben und dieses Zitat an der Tür einer Mitarbeiterin der MA 7 hing. Und seitdem ist es irgendwie immer wieder aufgetaucht. Für mich bedeutet es auch, dass gerade, wenn etwas nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe, die Chance auf Veränderung entsteht – die Chance, daran zu wachsen und neue Wege zu gehen.

FRAMES: Wabi-Sabi ist es also nicht geworden, aber wie habt ihr euch für den Titel “Lovecut” entschieden?

Johanna: Wir sind erst ganz spät auf den Titel gekommen. Wir waren immer am Suchen und schon ziemlich gestresst, haben uns ständig Titelvorschläge hin und her geschickt. Dann hatte eines Tages unser Komponist Michael Sauter die Idee zu “Lovecuts” und das gefiel uns beiden eigentlich sofort. Wir haben dann noch die Meinung von anderen eingeholt und eigentlich war es dann Ilianas Papa, der die Variante ohne “S” am Ende vorschlug. Wir waren begeistert und damit war es entschieden.

Iliana: Das Aussuchen des Titels war deshalb auch so schwer, weil wir einerseits etwas Kurzes wollten, aber auch etwas, das man überall versteht. “Lovecut” fühlt sich für mich wie ein ganz eigenes, neues Wort an, das irgendwie diesen Schmerz durch die Erste Liebe ausdrückt, den wir alle kennen. Man leidet unter gebrochenem Herzen und erlebt das alles noch dazu viel krasser, weil es das erste Mal und alles so intensiv ist.

FRAMES: Wie sah der Casting-Prozess für “Lovecut” aus?

Iliana: Wir hatten am Anfang ein ganz normales Casting mit einer Agentur, haben uns dann aber dazu entschlossen, selbst rauszugehen und nach den passenden Leuten zu suchen. Wir haben junge Menschen auf der Straße, in Parks und in Clubs angesprochen und sie dann zum Casting eingeladen und Workshops mit ihnen gemacht. Dabei haben wir uns auch von den Erfahrungen und Persönlichkeiten der Darsteller*innen beeinflussen lassen.

FRAMES: Der Film profitiert enorm von der Authentizität der Hauptdarsteller*innen, die alle kaum bis gar keine Dreherfahrung mitbrachten. Wie hat die Arbeit am Set konkret ausgesehen?

Iliana: Es war ein sehr fließender Prozess. Wir hatten Workshops und Proben mit ihnen vor Drehstart, bei denen es uns besonders wichtig war, dass sie sich sicher fühlen und sich wirklich öffnen können. Dadurch konnten wir mit ihnen die einzelnen Szenen durchproben und ihre eigenen, authentischen Reaktionen austesten.

Dabei ist es wichtig, der eigenen Intuition und den eigenen Gefühlen zu vertrauen, um zu sehen was passiert. Klar haben wir den Darstellerinnen und Darstellern die Figuren irgendwie vorgegeben, die sie verstehen und verinnerlichen mussten, aber sie haben reagiert, wie sie selbst wirklich reagieren würden. Und deswegen war uns so wichtig, dass der Cast wirklich mit den Ideen zusammenpasst, die wir für die Figuren hatten. Wir haben auch das Drehbuch nie komplett besprochen. Vieles von dem, was die Charaktere im Film erleben, haben die Darsteller*innen erst bei den Proben erfahren, um auch die Entwicklung der Figuren nicht durch das Wissen, was am Ende passiert, zu stören.

Johanna: Wenn man mit Laien arbeitet, muss man sich vorher gut überlegen, wie man die Performance aus ihnen herausholt, die man sich wünscht. Idealerweise arbeitet man mit Laien, die wirklich fast gar keine Erfahrung im Schauspiel mitbringen, extrem lange davor – noch länger als wir es konnten.

Es ist natürlich auch eine Frage der Möglichkeiten. Im Schreibprozess ist es schon wichtig die Charaktere zu entwickeln und es ist dieselbe Arbeit für die Schauspielerinnen und Schauspieler. Profis wissen wie das geht, weil sie in der Schauspielschule lernen, wie sie ihren Charakter verinnerlichen. Aber von Laien kann man dieses Wissen nicht voraussetzen und schon gar nicht erwarten, dass sie es sofort auch beherrschen. Uns war also von Anfang an klar, dass dieser Prozess viel Begleitung braucht.

Iliana: Wir wollten auch eigentlich einen Film machen mit einem Drehbuch, das auch wirklich zusammen mit dem Cast entsteht. Das war wegen des Fördersystems leider nicht möglich. Aber durch diese Ausgangsidee eines fließenden Prozesses, konnten wir trotzdem eine Geschichte erzählen, die sich sehr stark aus der Realität bedingt. Wir hatten davor auch ein gemeinsames Theaterprojekt, wo wir schon so gearbeitet haben und deswegen war auch diesmal klar: Das ist unsere Methode.

FRAMES: Hattet ihr bestimmte Film-Inspirationen als ihr “Lovecut” geschrieben habt?

Johanna: Ja, wir haben sehr viele Filme geschaut, um uns anzusehen, was es in dieser Richtung schon alles gibt. Da ging es darum, sich die Themen und die Figuren anzuschauen in diesen Filmen und auch für uns selbst – zusammen mit unseren beiden Kameramännern – abzustecken, was wir wollen und was wir nicht wollen. Da war auch “Kids” von Larry Clark dabei, aber dann vor allem die Filme von Andrea Arnold “Fish Tank” und “American Honey”, die zu unserer größten Inspiration wurden und die wir immer wieder zitiert haben.

Iliana: Eigentlich wollten wir nie so richtig einen Coming-of-Age Film machen. Mit dem Begriff sind wir auch nur langsam warm geworden. Wir wollten einen Film machen, der sich nicht oberflächlich oder von oben herab mit den Themen der Jugendlichen beschäftigt, sondern schon fast dokumentarisch nah an den Situationen dran ist. Da war Andrea Arnold auf jeden Fall unser großes Vorbild.

FRAMES: Was sind eure nächsten Projekte?

Johanna: Einerseits arbeiten wir gerade separat an Projekten, andererseits schreiben wir an einem gemeinsamen Serienprojekt, über das wir aber noch nicht so viel sagen können. Ich finde die Arbeit zu zweit sehr wertvoll. Ich schätze das Hin-und-her-spielen und Abgleichen von Ideen. Das kann richtig cool sein und ich glaube auch, dass man alleine schneller stecken bleibt.

Iliana: Ich glaube, in der Arbeit zu zweit ist man objektiver. Johanna und ich wissen schon ganz gut, wie die andere denkt und das ist wirklich sehr toll. Es ist, wie jemanden von außen reinzuholen, der einen aber sehr gut versteht.

Der Film “Lovecut” ist am Montag, dem 6.7., im Autokino Groß Enzersdorf im Rahmen des ersten Österreichischen Filmfestivals “FRAMES Offset” in Kooperation mit der Diagonale gezeigt. Mehr Infos und Tickets findet ihr unter XXX.

Mit ihrem ersten Langspielfilm “Lovecut” haben die beiden Regisseurinnen Iliana Estañol und Johanna Lietha ein glaubwürdiges Debüt vorgelegt, das sechs Wiener Jugendliche beim Austesten und Erfahren ihrer sexuellen Grenzen begleitet. Wir haben sie zum Interview gebeten und über ihre Arbeit mit Laien, Authentizität und Identitätsbildung im Zeitalter des Internets gesprochen.

FRAMES: Wie kam es zu eurer Regie-Kollaboration und dem Konzept von “Lovecut”?

Johanna: Wir haben uns bei einem Schauspiel-Workshop kennengelernt, der sehr intensiv war und bei dem man sich auch sehr öffnen musste. Da haben wir bemerkt, dass wir eine sehr ähnliche Wellenlänge haben. Wir haben uns viel über unsere verschiedenen Filmideen ausgetauscht und dann beschlossen, dass wir etwas zusammen machen möchten. Irgendwie waren da diese Themen rund um Jugendliche schon stark präsent.

Iliana: Wir haben viel über unsere Jugend gesprochen und hatten viele Ideen, die auch sehr autobiographisch waren. Allerdings war uns auch sehr wichtig, dass unsere Geschichte zeitgemäß ist. Deswegen haben wir beim Schreiben des Drehbuchs auch viel recherchiert und uns oft mit Jugendlichen getroffen – in Parks und in Clubs. Dadurch hat sich die Geschichte auch verändert und weiterentwickelt.

FRAMES: Woher kam euer Interesse einen Film über Jugendliche zu machen?

Johanna: Ich habe den Eindruck, dass es viel damit zu tun hat, dass wir alle Jugendliche waren und das für viele bestimmt auch eine sehr intensive Zeit war, die mit intensiven Gefühlen verbunden war. Man macht vieles zum ersten Mal, probiert sich aus, testet Grenzen aus. Viele rebellieren und machen spannende Erfahrungen.

Iliana: Ich glaube, dass viele Eltern gar nicht wissen, was ihre Kinder mit dem Handy machen. Früher dachte man eben, wenn mein Kind daheim ist, kann ihm nichts passieren. Das ist jetzt anders. Diese Sicherheit existiert nicht mehr. Jugendliche werden auch oft zu unrecht von Erwachsenen kritisiert. Als junger Mensch möchte man seine Grenzen ausloten und sehen, welche Möglichkeiten es da draußen gibt. Für uns war es sehr wichtig, einen Film zu machen, der sich auf Augenhöhe mit den Gefühlen und Problemen der Jugendlichen beschäftigt und nicht verurteilt.

FRAMES: Wart ihr dabei auch von Erfahrungen aus eurer eigenen Jugend inspiriert?

Johanna: Ich schätze schon, denn wir haben anfangs viel darüber gesprochen. Es ging um bestimmte Erfahrungen oder Situationen, aber auch um Themen, die Jugendliche generell begleiten.

Iliana: Ich glaube, die Zeiten haben sich im Vergleich zu meiner Jugend stark verändert, aber die Gefühle und inneren Konflikte der Jugendlichen und ihre Herausforderungen sind auf eine gewisse Weise die gleichen geblieben. Das fanden wir sehr spannend und auch sehr schön.

FRAMES: Kann man euren Film auch als Kommentar auf eine Generation und ihren Umgang mit ihren Handys lesen?

Iliana: Wir waren sehr interessiert daran, zu verstehen, wie Jugendliche in unserer Gesellschaft funktionieren. Deswegen finde ich den Ausdruck “Kommentar” oder “Beobachtung” sehr richtig. Unser Blick war dabei aber weniger distanziert oder kritisch, sondern geprägt durch sehr viel Empathie. Ich glaube, durch das Internet wird es möglich, neue oder andere Identitäten zu kreieren. Das ist auch der Fall für die Figur von Alex im Film, der im Rollstuhl sitzt, aber das online verbergen kann. Dadurch wird er online ganz anders wahrgenommen als im echten Leben. Das ist schon fast so etwas wie ein Doppelleben zu führen. Und das ist sicher das große Thema dieses Films: Identität, Sexualität und Liebe in dieser Zeit, wo die digitale Welt uns unendliche Möglichkeiten lässt.

Johanna: Gleichzeitig sind diese Episoden ja auch alle Geschichten über verschiedene Arten von Beziehungen und Liebe – eingebettet in diese Generation. Das Handy ist dabei nicht unbedingt das Hauptthema, sondern eine Gegebenheit.

FRAMES: Am Anfang von “Lovecut” lesen wir ein Zitat von Leonard Cohen: “There’s a crack in everything. That’s how the light gets in.” Es hat mich an das  japanische Konzept von “Wabi-Sabi” erinnert, das Schönheit in der Imperfektion findet. Wieso habt ihr dieses Zitat gewählt?

Johanna: Lustigerweise war “Wabi-Sabi” eine der Titelideen, die Iliana für den Film hatte. Also es geht genau darum, dass unsere Schwächen und Fehler uns auch schön machen – und menschlich.

Iliana: Auf das Zitat sind wir eigentlich gekommen, weil wir zu der Zeit um Förderungen für den Film angefragt haben und dieses Zitat an der Tür einer Mitarbeiterin der MA 7 hing. Und seitdem ist es irgendwie immer wieder aufgetaucht. Für mich bedeutet es auch, dass gerade, wenn etwas nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe, die Chance auf Veränderung entsteht – die Chance, daran zu wachsen und neue Wege zu gehen.

FRAMES: Wabi-Sabi ist es also nicht geworden, aber wie habt ihr euch für den Titel “Lovecut” entschieden?

Johanna: Wir sind erst ganz spät auf den Titel gekommen. Wir waren immer am Suchen und schon ziemlich gestresst, haben uns ständig Titelvorschläge hin und her geschickt. Dann hatte eines Tages unser Komponist Michael Sauter die Idee zu “Lovecuts” und das gefiel uns beiden eigentlich sofort. Wir haben dann noch die Meinung von anderen eingeholt und eigentlich war es dann Ilianas Papa, der die Variante ohne “S” am Ende vorschlug. Wir waren begeistert und damit war es entschieden.

Iliana: Das Aussuchen des Titels war deshalb auch so schwer, weil wir einerseits etwas Kurzes wollten, aber auch etwas, das man überall versteht. “Lovecut” fühlt sich für mich wie ein ganz eigenes, neues Wort an, das irgendwie diesen Schmerz durch die Erste Liebe ausdrückt, den wir alle kennen. Man leidet unter gebrochenem Herzen und erlebt das alles noch dazu viel krasser, weil es das erste Mal und alles so intensiv ist.

FRAMES: Wie sah der Casting-Prozess für “Lovecut” aus?

Iliana: Wir hatten am Anfang ein ganz normales Casting mit einer Agentur, haben uns dann aber dazu entschlossen, selbst rauszugehen und nach den passenden Leuten zu suchen. Wir haben junge Menschen auf der Straße, in Parks und in Clubs angesprochen und sie dann zum Casting eingeladen und Workshops mit ihnen gemacht. Dabei haben wir uns auch von den Erfahrungen und Persönlichkeiten der Darsteller*innen beeinflussen lassen.

FRAMES: Der Film profitiert enorm von der Authentizität der Hauptdarsteller*innen, die alle kaum bis gar keine Dreherfahrung mitbrachten. Wie hat die Arbeit am Set konkret ausgesehen?

Iliana: Es war ein sehr fließender Prozess. Wir hatten Workshops und Proben mit ihnen vor Drehstart, bei denen es uns besonders wichtig war, dass sie sich sicher fühlen und sich wirklich öffnen können. Dadurch konnten wir mit ihnen die einzelnen Szenen durchproben und ihre eigenen, authentischen Reaktionen austesten.

Dabei ist es wichtig, der eigenen Intuition und den eigenen Gefühlen zu vertrauen, um zu sehen was passiert. Klar haben wir den Darstellerinnen und Darstellern die Figuren irgendwie vorgegeben, die sie verstehen und verinnerlichen mussten, aber sie haben reagiert, wie sie selbst wirklich reagieren würden. Und deswegen war uns so wichtig, dass der Cast wirklich mit den Ideen zusammenpasst, die wir für die Figuren hatten. Wir haben auch das Drehbuch nie komplett besprochen. Vieles von dem, was die Charaktere im Film erleben, haben die Darsteller*innen erst bei den Proben erfahren, um auch die Entwicklung der Figuren nicht durch das Wissen, was am Ende passiert, zu stören.

Johanna: Wenn man mit Laien arbeitet, muss man sich vorher gut überlegen, wie man die Performance aus ihnen herausholt, die man sich wünscht. Idealerweise arbeitet man mit Laien, die wirklich fast gar keine Erfahrung im Schauspiel mitbringen, extrem lange davor – noch länger als wir es konnten.

Es ist natürlich auch eine Frage der Möglichkeiten. Im Schreibprozess ist es schon wichtig die Charaktere zu entwickeln und es ist dieselbe Arbeit für die Schauspielerinnen und Schauspieler. Profis wissen wie das geht, weil sie in der Schauspielschule lernen, wie sie ihren Charakter verinnerlichen. Aber von Laien kann man dieses Wissen nicht voraussetzen und schon gar nicht erwarten, dass sie es sofort auch beherrschen. Uns war also von Anfang an klar, dass dieser Prozess viel Begleitung braucht.

Iliana: Wir wollten auch eigentlich einen Film machen mit einem Drehbuch, das auch wirklich zusammen mit dem Cast entsteht. Das war wegen des Fördersystems leider nicht möglich. Aber durch diese Ausgangsidee eines fließenden Prozesses, konnten wir trotzdem eine Geschichte erzählen, die sich sehr stark aus der Realität bedingt. Wir hatten davor auch ein gemeinsames Theaterprojekt, wo wir schon so gearbeitet haben und deswegen war auch diesmal klar: Das ist unsere Methode.

FRAMES: Hattet ihr bestimmte Film-Inspirationen als ihr “Lovecut” geschrieben habt?

Johanna: Ja, wir haben sehr viele Filme geschaut, um uns anzusehen, was es in dieser Richtung schon alles gibt. Da ging es darum, sich die Themen und die Figuren anzuschauen in diesen Filmen und auch für uns selbst – zusammen mit unseren beiden Kameramännern – abzustecken, was wir wollen und was wir nicht wollen. Da war auch “Kids” von Larry Clark dabei, aber dann vor allem die Filme von Andrea Arnold “Fish Tank” und “American Honey”, die zu unserer größten Inspiration wurden und die wir immer wieder zitiert haben.

Iliana: Eigentlich wollten wir nie so richtig einen Coming-of-Age Film machen. Mit dem Begriff sind wir auch nur langsam warm geworden. Wir wollten einen Film machen, der sich nicht oberflächlich oder von oben herab mit den Themen der Jugendlichen beschäftigt, sondern schon fast dokumentarisch nah an den Situationen dran ist. Da war Andrea Arnold auf jeden Fall unser großes Vorbild.

FRAMES: Was sind eure nächsten Projekte?

Johanna: Einerseits arbeiten wir gerade separat an Projekten, andererseits schreiben wir an einem gemeinsamen Serienprojekt, über das wir aber noch nicht so viel sagen können. Ich finde die Arbeit zu zweit sehr wertvoll. Ich schätze das Hin-und-her-spielen und Abgleichen von Ideen. Das kann richtig cool sein und ich glaube auch, dass man alleine schneller stecken bleibt.

Iliana: Ich glaube, in der Arbeit zu zweit ist man objektiver. Johanna und ich wissen schon ganz gut, wie die andere denkt und das ist wirklich sehr toll. Es ist, wie jemanden von außen reinzuholen, der einen aber sehr gut versteht.

Der Film “Lovecut” ist am Montag, dem 6.7., im Autokino Groß Enzersdorf im Rahmen des ersten Österreichischen Filmfestivals “FRAMES Offset” in Kooperation mit der Diagonale gezeigt. Mehr Infos und Tickets findet ihr unter XXX.

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